In unserem 365-Tage-Blog zum 100-jährigen Jubiläum von Heideruh wollen wir nicht nur erinnern und zurückblicken, sondern auch einordnen und Wissen teilen. So werden wir hier immer wieder kleine „Bildungsbausteine“ veröffentlichen: kurze Texte zu Begriffen, Themen und Fragen größtenteils aus den Bereichen Antifaschismus, Demokratie und dem Schutz einer offenen Gesellschaft.
Wir möchten diese Reihe nicht allein füllen:
Welche Begriffe, Themen oder Fragen interessieren dich?
Was sollte erklärt, erinnert oder eingeordnet werden?
Schreib uns – denn Bildung lebt vom Austausch.
Heute beginnen wir mit dem ersten Bildungsbaustein. Er beschäftigt sich mit der Frage, warum Gedenkstättenarbeit unverzichtbar ist – und warum es nicht egal ist, wie sichtbar Orte des Erinnerns in unserem Alltag sind.
Bildungsbaustein: Gedenkstättenarbeit
Am 2. Januar habe ich im Rahmen des Ausflugsprogramms „Jahreswechsel 25/26“ mit einer Gästegruppe die Gedenkstätte „Ehrenfriedhof – Opfer der KZ-Häftlingstransporte 1945“ in der Nähe von Lüneburg (Tiergarten) besucht.
Auf dem Ehrenfriedhof sind überwiegend Opfer des schwersten Kriegsverbrechens der Lüneburger Geschichte, der Ereignisse im April 1945 am Güterbahnhof Lüneburg. Rund um den 7. April haben Nazis KZ-Häftlinge nahe des Bahnhofgeländes ermordet. 256 Menschen fanden hier den Tod!
Ein paar Monate nach dem Ende des 2. Weltkrieges erfuhr die britische Besatzungsmacht von zwei Massengräbern unweit der Stelle des heutigen Friedhofs. Sie veranlasste die Umbettung der Toten aus den Massengräbern in Einzelgräbern auf eine Waldlichtung, wo sie am 3. Oktober feierlich bestattet wurden.


Was mich dort neben der Geschichte selbst besonders erschreckt hat, war etwas scheinbar Banales: Diese Gedenkstätte ist kaum zu finden. Keine auffällige Beschilderung, keine selbstverständliche Präsenz im öffentlichen Raum. Man muss sie suchen wollen – und selbst dann ist es nicht einfach.






Das wirft Fragen auf. Nicht nur nach diesem konkreten Ort, sondern nach dem staatlichen Umgang mit Gedenkstätten insgesamt. Welche Orte des Erinnerns werden sichtbar gemacht, welche verschwinden und welche fehlen ganz? Und was sagt das darüber aus, welchen Stellenwert Gedenkstättenarbeit in Deutschland heute hat?
Vor diesem Hintergrund beginnt der folgende Bildungsbaustein mit einer einfachen, aber zentralen Frage: Warum ist Gedenkstättenarbeit wichtig?
Gedenkstättenarbeit – warum sie wichtig ist
Was ist Gedenkstättenarbeit? Gedenkstättenarbeit umfasst das Erinnern, Forschen, Vermitteln und Lernen an Orten, an denen nationalsozialistische Verbrechen begangen wurden oder an denen Widerstand, Verfolgung und Leid sichtbar werden. Sie verbindet historische Aufarbeitung mit Bildungsarbeit und gesellschaftlicher Verantwortung.
Historischer Bezug
Nach 1945 wurden viele Tat- und Leidensorte verdrängt, überbaut oder vergessen. Erst durch das Engagement von Überlebenden, Angehörigen und antifaschistischen Initiativen entstanden Gedenkstätten – oft gegen erheblichen Widerstand. Gedenkstättenarbeit ist daher immer auch ein Ergebnis von Kämpfen um Anerkennung, Wahrheit und Würde der Opfer.
Warum ist sie heute unverzichtbar?
Zeitzeug*innen sterben, Stadtbilder verändern sich, Geschichtsrevisionismus nimmt zu, rechtsextreme und antisemitische Positionen werden wieder salonfähig. Gedenkstättenarbeit wirkt dem entgegen: Sie macht Geschichte konkret, widerspricht Verharmlosung und zeigt, wohin Ausgrenzung, Rassismus und autoritäres Denken führen können. Sie schafft Räume für Fragen, Zweifel und Lernen – ohne einfache Antworten.
Bedeutung für Demokratie heute
Gedenkstätten sind keine Orte der Vergangenheit, sondern Lernorte für die Gegenwart. Sie stärken demokratische Werte, fördern Empathie und machen deutlich, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Und wer versteht, wie schnell Rechte zerstört werden können, erkennt auch, warum sie heute geschützt werden müssen.
Bezug zu Heideruh
Heideruh steht in der Tradition antifaschistischer Gedenk- und Bildungsarbeit. Als historischer Ort der Begegnung verbindet es Erinnern mit politischer Bildung, Austausch und Verantwortung im Hier und Jetzt.
Heideruh ist keine Gedenkstätte; glücklicherweise haben hier während des Faschismus keine Grauen stattgefunden. Heideruh ist aber ein GeDenkort oder lebendiger Erinnerungsort. Vorteil ist, dass Heideruh nicht abhängig von staatlicher Erinnerungspolitik ist. Nachteil ist, dass die Erinnerungsarbeit nicht finanziert wird. Was wir gerade jetzt deutlich spüren, denn aktuell fühlt sich kein Amt zuständig für das 100. Jubiläum von Heideruh.
Heike (AG 100 Jahre)
PDF zum Download mit den Gedenktafeln