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09.02.2026

Auf den Spuren der Befreiung: Recherchereise in Londoner Militärarchive abgesagt

Ursprünglich wollten wir heute vom Start der Forschungsreise nach London berichten: Die AG Antifaschistische Wege in Heideruh, die auch die Stadtrundgänge zur NS-Geschichte von Buchholz erarbeitet hat und durchführt, wollte in den britischen Militärarchiven weitere Recherchen unternehmen. Schwerpunktthemen wäre die Befreiung von Buchholz und die Geschichte Heideruhs, unmittelbar nach Kriegsende gewesen. Eine offene Fragestellung wäre bspw. gewesen, wie es von Statten ging, dass Heideruh unmittelbar nach Kriegsende in Buchholz durch die britischen Befreier in die Hände ehemaliger politischer Verfolgter gegeben wurde. Diese Stellen konnten in der bisherigen Forschung nur wenig beleuchtet werden – es bestand die Hoffnung, dass in den Archiven offizielle Dokumente der britischen Militärverwaltung, oder persönliche Aufzeichnungen britischer Soldaten zu finden wären, die neue Erkenntnisse bringen könnten. Bei Recherchen in Vorbereitung konnten jedoch bisher leider keine vielversprechenden Hinweise auf weitere Quellen ausfindig gemacht werden. Nichtsdestotrotz hätten wir weiterhin daran geglaubt, dass eine Reise nach London und die Recherche vor Ort, neue Erkenntnisse bringen könnte. Das endgültige Aus für die Reisplanung markierte die Absage einer finanziellen Förderung, die bereits mündlich zugesagt wurde und entsprechend als sicher angesehen wurde.


Dass die Reise nicht stattfindet, ist für uns eine große Enttäuschung, bedeutet aber nicht, dass wir nicht weiter am Thema arbeiten. Wir forschen weiterhin zur Geschichte von Buchholz und Heideruh und hoffen, auch ohne die Reise neue Informationen zu finden.
Wir sind über alle Hinweise zum Thema dankbar – vor allem dazu, in welchen britischen Archiven, Dokumente zum Thema zu finden sein könnten und welche Institutionen ein derartiges Forschungsprojekt fördern würden. Wir glauben weiterhin daran, dass sich eine Forschungsreise lohnen würde.

Hintergrund: Ziele der Forschungsreise

Heideruh (bis in die 1950er auch Haus Seppensen genannt) ist ein lebendiger Gedenkort deutscher Verfolgung und des Widerstands. Für 2026 planten wir unsere Darstellungen der Geschichte zu aktualisieren: Die 3. Auflage unserer Dokumentation und die Ausstellung, unser historischer Rundgang, unsere Themenzimmer, unser Archiv sollten überarbeitet werden.

2025 wurden die Archive in London mit konkreten Forschungsfragen (s. u.) angeschrieben und in deren Katalogen online recherchiert um die Forschungsfragen zu konkretisieren. Fünf Forschende (drei Sozialwissenschaftler*innen der AG Antifa Wege (Stadtrundgang „Auf den Spuren des NS-Regimes in Buchholz“ u.a.)), Prof. Dr. Oliver Rump, der bisher unser Forschungsarbeit im Haus begleitet hat und eine Begleitperson mit London- und Archivkenntnissen wollten heute, dem 8. Februar bis zum 13. nach London fahren, um in Militärarchiven zu forschen. Zwei Personen wollten sich in den Archiven um die Geschichte Heideruhs, zwei um Buchholz und die Heidebahn kümmern. Abends sollten umgehend die Ergebnisse ausgewertet und z. B. auf dieser 100-Jahres-Webseite eingestellt werden.

Wir hatten die mündliche Zusage einer Stiftung um Flug und Ferienwohnung in London zu bezahlen. Der Stiftungsrat hat sich dann aber überraschenderweise Anfang Dezember entschieden, unsere Kultur zu fördern. Eine andere Förderung konnte so schnell nicht gefunden werden. Die Reise wurde abgesagt. (Wenn jemand eine Idee hat, wer eine solche Forschungsreise finanzieren würde, teilt es uns bitte mit.)
Am 28. April werden Kees und ich nun im Rahmen der Bildung-gegen-Rechts-Veranstaltung nicht die Funde der Recherchen in London darstellen können, aber unsere Fragen und Lücken der Geschichte darstellen und neue Erkenntnisse der letzten Jahre vorstellen.

Warum wäre die Forschung wichtig gewesen?

Unsere Fragestellungen in drei Forschungsbereichen

1. Heideruh/Haus Seppensen
Die Geschichte von Heideruh wurde zum einen weitererzählt, insbesondere aber in bisher drei Forschungssemestern durch die HTW Berlin, Abt. Museumskunde durch Prof. Dr. Oliver Rump und seinen Student*innen erforscht und dargestellt. U. a. in der Dokumentation „Ein lebendiger Erinnerungsort politischer Verfolgung und politischen Widerstands in Deutschland” (Nina Zellerhoff/ Prof. Dr. Oliver Rump (Hg.), 2. Auflage) ist bereits ein großer Teil der Geschichte Heideruhs aufgearbeitet. Vor allem bezüglich der Übergabe Heideruhs möchten wir überprüfen, ob die mündlichen Überlieferungen stimmen und hoffen, mehr über beteiligte Personen und die dahinter liegenden Verwaltungsakte zu erfahren.

Insbesondere in der Zeit zwischen 1945 und 1949 gibt es Unklarheiten und offene Fragen: 1945 wurde nachgewiesenermaßen die Elektrifizierung Heideruhs auf Veranlassung der britischen Militärbehörden durch die Hamburger Bürgerschaft durchgeführt: Woher wusste die Britische Militärregierung, dass Gebäude und Gelände vor der Enteignung 1936 Widerstandskämpferinnen gehörte?

  • Wer stellte den Kontakt und dann die offizielle Übergabe her?
  • Welche britische Militärabteilung hat sich mit Heideruh beschäftigt, bzw. weshalb hat die Hamburger Bürgerschaft darüber entschieden?
  • Wurde es durch britische Armeebehörden in Hamburg oder im LK Harburg entschieden?
  • Wer hat den Antrag auf Elektrifizierung gestellt?
  • Welches Interesse hatten die britische Militärregierung?

Bekannt ist, dass Heideruh unmittelbar mit oder kurz nach der Befreiung wieder in den Besitz von ehemaligen Widerstandskämpferinnen gekommen ist. Ihnen sprachen die britischen Militärbehörden das Holzhaus und das Gelände zu, vermutlich, weil unter ihnen deutsche Exilantinnen (FDJ?) waren, die sich noch an die Zeit erinnerten, als Heideruh (Haus Seppensen) ein Widerstandsnest war. Seit 1946 wurde Heideruh als Jugend-/Schulungsheim der FDJ („Drei-Länder-Schule“) genutzt:

  • Wer hat über die Übergabe auf welcher Grundlage entschieden?
  • Wann wurde das Haus an wen übergeben?
  • Wann/Wie gab es die ersten Kontakte zwischen dem Haus Seppensen (Heideruh) und der britischen Armee: Politische Offiziere, FDJ, Exilant*innen oder Komitee politischer Verfolgter Hamburg (Kinderheim)?


2. Befreiungsarmee vor Ort? BUCHHOLZ
Die AG Antifa Wege von Heideruh erforscht seit 2019 die Geschichte Buchholz und bietet seit 2023 regelmäßig Stadtrundgängen zur NS-Geschichte von Buchholz an (Stand 10/25: 25 Rundgänge mit 500 Personen). Es gibt Wissen zum Thema, auch im Stadtarchiv. Unklarheiten und blinde Flecken sind jedoch vor allem noch zur Befreiung und der Zeit unmittelbar danach vorhanden:

  • Welche Regimenter/Abteilungen der britischen Armee haben konkret Buchholz befreit?
  • Gibt es Aufzeichnungen zu der Aktion, bei der die „Ehrenhalle der Nationalsozialisten“ in Buchholz durch die britische Armee abgebrannt wurde? – Wann fand diese Aktion statt? Wer hat sie veranlasst?
  • Hat Buchholz eine Rolle bei der Kapitulation Hamburgs gespielt bzw. eine Funktion gehabt?
  • Gibt es Aufzeichnungen über Zwangsarbeiterlager/Displaced Persons Unterbringung in Buchholz?
  • Gibt es Aufzeichnungen über Kriegsgefangenenlager in Buchholz?
  • Warum wurde Buchholz bzw. der Buchholzer Bahnhof mit seiner wichtigen Rolle als Verschiebebahnhof für viele Züge aus und nach Hamburg nie gezielt bombardiert?
  • Vor allem: Gibt es in den britischen Archiven Unterlagen über Verfolgte, Widerstandsaktionen und/oder jüdische Bevölkerung in Buchholz? Alle offiziellen Dokumente wurden vor der Befreiung in der Kiesgrube verbrannt.

3. HEIDEBAHN
Neben den Recherchen zu Buchholz im NS und der Geschichte Heideruhs ist ein weiteres Thema, an dem wir schon länger forschen, die Geschichte der KZ-Züge auf der Strecke der „Heidebahn“. Die Geschichte der Heidebahn ist bereits im Buch “Nur Gott der Herr kennt ihre Namen” von Nordhoff et al. sowie auch in der Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme niedergeschrieben. Dennoch suchen wir weiter nach konkreten Bezügen zu Buchholz, denn davon gibt es bisher, bis auf wenige (anonyme) Zeitzeugenaussagen im Buch “Die verschwiegenen 20 Jahre”, nicht viel. Aktuell hat Ingo Engelmann noch mehr Licht ins Dunkel gebracht, aber auch viele Fragen aufgeworfen, die geklärt werden wollen.

Wir hoffen all diese Fragen bei einer Reise zu einem späteren Zeitpunkt klären zu können.

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