Dieser Bildungsbaustein entsteht aus persönlichen Erfahrung. Zum einen natürlich, weil mir die Begegnungsstätte Heideruh nicht nur ans Herz gewachsen ist, sondern ich sie auch gerne nutze. Zum anderen, weil es in meiner Jugend Begegnungsstätten und Bildungsangebote von Verbänden waren, die mir den Weg in politische Bildung eröffnet haben. Dort habe ich gelernt, dass gesellschaftspolitisches Engagement nichts Abstraktes, sondern sehr konkret ist.
In diesen Orten habe ich erfahren, dass Beteiligung möglich ist, dass Fragen gestellt, Positionen entwickelt und Konflikte ausgehalten werden können – und dass eigenes Handeln Wirkung entfalten kann. Was Selbstwirksamkeit bedeutet: gemeinsam denken, diskutieren, organisieren und verändern.
Ohne diese Räume der Begegnung gäbe es vieles von dem, was heute mein politisches Denken und Handeln prägt, nicht. Genau deshalb sind Begegnungsstätten für mich nicht nur Gebäude oder Angebote, sondern demokratische Erfahrungsräume.
Bildungsbaustein #2
Begegnungsstätten als demokratische Orte
Was sind Begegnungsstätten?
Begegnungsstätten sind Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Hintergründen und Perspektiven zusammenkommen. Sie bieten Raum für Austausch, Lernen, Diskussion und gemeinsames Handeln. Im Unterschied zu rein touristischen oder kommerziellen Orten steht hier nicht der Konsum im Mittelpunkt, sondern das Miteinander.



Der Pavillion von Heideruh als zentraler Tagungsraum
Historischer Bezug
Viele heutige Begegnungsstätten haben ihre Wurzeln bereits in den 1920er Jahren. Verbände wie die Naturfreunde, Arbeiter-Sportvereine, Schreber- und Heimatvereine aus den Großstädten erwarben damals Häuser und Grundstücke im Grünen. Diese Orte dienten Erholung, Bildung und Gemeinschaft – und waren eng verbunden mit der Arbeiterbewegung, gewerkschaftlichem Engagement und demokratischen Reformbestrebungen der Weimarer Republik.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden diese Orte enteignet, gleichgeschaltet und für ihre Zwecke missbraucht. Die Häuser gingen an NS-Organisationen über, ihre ursprünglichen Träger wurden verfolgt, aufgelöst oder ins Exil gezwungen. Begegnungsstätten wurden so Teil der nationalsozialistischen Infrastruktur – gegen ihren ursprünglichen Sinn.
Nach 1945 begann ein oft jahrelanger, konfliktreicher Prozess der Rückgabe. In vielen Fällen mussten Nachfolgevereine und neu gegründete Verbände hart darum kämpfen, ihre Häuser zurückzuerhalten. Dass Begegnungsstätten heute wieder Orte demokratischer Bildung und Begegnung sind, ist daher kein Zufall, sondern Ergebnis von Beharrlichkeit, politischem Willen und antifaschistischem Engagement.
Unter Beschuss in der Gegenwart
Heute geraten demokratische Begegnungsstätten zunehmend unter Druck. Rechtspopulistische und rechtsextreme Akteure – darunter die AfD und ihr Umfeld – diffamieren politische Bildung, stellen Förderungen infrage und greifen Orte an, die für Vielfalt, Antifaschismus und demokratische Werte stehen. Ziel ist es, Räume der kritischen Auseinandersetzung zu delegitimieren oder finanziell auszutrocknen.
Unverzichtbar!
Gerade weil sie angegriffen werden, sind Begegnungsstätten heute wichtiger denn je. Sie ermöglichen reale Begegnungen jenseits von Hasskampagnen und digitaler Zuspitzung. Sie bieten Schutzräume für demokratische Praxis, für Diskussion, Lernen und solidarisches Handeln – und damit genau das, was autoritäre Kräfte schwächen wollen.
Widerstand im Alltag
Demokratischer Widerstand kann sehr sehr viel sein. Für mich zeigt er sich auch in alltäglichen Entscheidungen: Begegnungsstätten zu besuchen, zu buchen, dort Tagungen, Seminare oder Urlaube zu verbringen. Wer diese, unsere Orte nutzt, stärkt sie praktisch – finanziell, strukturell und symbolisch. Nutzung ist Unterstützung. Präsenz ist Haltung.
Bezug zu Heideruh
Heideruh ist Teil dieser demokratischen Infrastruktur. Als Begegnungsstätte steht es für Erinnerung, Bildung und Austausch – und damit für Werte, die nicht selbstverständlich sind. Heideruh lebendig zu halten heißt, einen demokratischen Ort zu schützen.
Nicht abstrakt, sondern ganz konkret: durch Kommen, Bleiben, Wiederkommen.
Heike (AG 100 Jahre)
Begegnungsstätten heute
Vergleichbare Orte wie Heideruh gibt es so gut wie keine mehr. Die VdN-Heime der DDR fielen 1989 der Treuhandgesellschaft zu.
Überlebt haben (neben den Häusern der Naturfreunde):
Die Bakuninhütte
Die Bakuninhütte bei Meiningen, Thüringen ist ein anerkanntes Kulturdenkmal des Anarchosyndikalismus. Die nach Michail Bakunin, benannte Hütte wurde ab 1926 von den Syndikalisten der Meininger Ortsgruppe der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) erbaut.
Die Bakuninhütte, der zu ihr gehörende Bakunin-Gedenkstein und das historische Grundstück wird seit September 2015 vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie aus geschichtlichen und wissenschaftlichen Gründen als Kulturdenkmal anerkannt.[1] Dieser Status bezieht sich auf die geschichtsträchtige Funktion dieses Ortes: ursprünglich als Schutzhütte, später als Ausflugs- und Wanderziel sowie als Schulungs- und Erholungsstätte der Arbeiterbewegung.
Seit Oktober 2018 ist die Bakuninhütte ein Naturfreunde-Anschlusshaus.[2]
Wanderverein Bakuninhütte e.V.
Postfach 100134
98601 Meiningen
Tel: 03693/477039
www.bakuninhuette.de
kontakt@bakuninhuette.de
Das Waldheim
Das Waldheim Sillenbuch in Stuttgart wurde am 27. Juni 1909 durch seinen ersten Vorsitzenden Friedrich Westmeyer in einer offiziellen Eröffnungsfeier der gesamten »organisierten Stuttgarter Arbeiterschaft« übergeben. Das v. a. von KPD-Mitgliedern getragenen Haus bietet vor allem Ferien für arme Kinder der Arbeiterbewegung. Schon vor der Verabschiedung des »Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens« am 14. September 1933 wurde das Waldheimgelände, wie auch das Vereinsvermögens schon am13. März 1933 beschlagnahmt.
Das heute als Clara Zetkin Haus bekannt Waldheim erhält keine staatlichen Zuschüsse. Das Waldheim muss sich selbst durch seinen Wirtschaftsbetrieb tragen. Ehrenamtliche ermöglicht es Speisen und Getränke zu familienfreundlichen Preisen anbieten zu können. Bis heute setzen sie sich für Frieden, Völkerverständigung, Demokratie und Sozialismus ein. Auf unserem Waldheimgelände wollen sie Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen einen angenehmen und ungezwungenen Aufenthalt ermöglichen.
Waldheim Stuttgart e.V. / Clara Zetkin Haus
Gorch-Fock-Straße 26
70619 Stuttgart
Tel: 0711 – 471235
info@waldheim-stuttgart.de
Die Karl-Liebknecht-Schule
Das Haus, in dem heute die Karl-Liebknecht-Schule beheimatet ist, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Errichtet von der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung in den 1920er Jahren als „Volkshaus“ wurde es 1933 beschlagnahmt und von der SA genutzt. Viele Erbauer und Nutzer landeten in den Zuchthäusern und KZs. 1946 wurde das Haus der rechtmäßigen Eigentümerin, der heutigen Kulturvereinigung Leverkusen e.V., zurück übereignet.
Trotz aller Widrigkeiten befindet sich die Immobilie auch heute noch im Eigentum der Kulturvereinigung.
Die DKP ist seit 1977 Hauptmieterin und betreibt im Gebäude die Karl-Liebknecht-Schule (KLS). 2018 startete eine umfassende Sanierung. Heute kann ein modernes Bildungs- und Kulturzentrum von einer Vielzahl an Organisationen und Gruppen genutzt werden.
Karl-Liebknecht-Schule der DKP
Am Stadtpark 68
51373 Leverkusen
Tel: 0214 / 45418
kls@dkp.de